Gerade rechtzeitig zum Valentinstag: Meine Nesselsucht... und meine Beziehungen

Zwei Finger mit aufgemalten Figuren, die ein sich liebendes Paar darstellen

 

Luke lebt seit über zehn Jahren mit Urtikaria. Er engagiert sich in der online Urtikaria-Community und hat viele Geschichten zu erzählen. Er ist verheiratet und lebt derzeit mit seiner Frau und seinem Sohn in Kanada.

Valentinstag ist die perfekte Zeit, um die Gesellschaft der Menschen zu genießen, die einem am wichtigsten sind. Jetzt, wo dieser Tag langsam näher rückt, kann ich kaum anders, als an meine vergangenen Beziehungen zu denken und zu überlegen, welche Rolle meine Nesselsucht in den guten und schlechten Zeiten gespielt hat. Spoiler-Warnung! Ich bin jetzt glücklich verheiratet, aber es sind viele Valentinstage vorbeigezogen, bevor es so weit gekommen ist. Hier sind meine Erfahrungen, die ich gerne von Anfang an und in vollster Bescheidenheit teilen möchte:

Die „Ich fühle mich nicht gut” - Entschuldigung

Als ich 16 war, hatte ich meinen ersten Ausbruch und mit 18 meine erste Freundin. Meine Freundin schien genauso schüchtern zu sein, wie ich es war. Wir hatten beide gerade unser erstes Jahr an der Universität begonnen. Ich bin sicher, wenn sie diese Geschichte erzählen würde, wäre es eine ganze andere. Der Grund dafür ist, dass ich ihr nie von meiner Urtikaria erzählt habe. Wobei ich zu diesem Zeitpunkt selber noch nicht wusste, dass ich chronisch spontane Urtikaria habe.

Als wir anfingen miteinander auszugehen, war ich wegen meiner Nesselsucht bei einem Arzt in Behandlung, der davon überzeugt war, dass sie durch Allergien verursacht wurde. Es musste etwas sein, was ich aß. Jetzt stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Bei jedem einzelnen Date hatte ich Angst, irgendetwas von der Speisekarte zu bestellen. Unsere Dates waren ohnehin nicht zahlreich und die Zeitabstände dazwischen waren lang. Wenn wir uns dann gesehen haben, schaute ich ihr eigentlich nur beim Essen zu. Ziemlich seltsam, gelinde gesagt.

Ich werde mich für immer an den Vorfall erinnern, der unsere Beziehung schlussendlich beendet hat. Sie war meine erste Freundin und ich wurde somit zum ersten Mal verlassen, also wie könnte ich das je vergessen? Ich habe ihr nie von meiner Nesselsucht erzählt und immer wenn ich einen Ausbruch hatte, habe ich ihr nur gesagt „Ich fühle mich nicht gut....” oder „Ich bin krank“.

Als dann Valentinstag vor der Tür stand und wir uns zum Abendessen verabredet hatten, bin ich (wie sollte es auch anders sein) genau an diesem Morgen mit einem Ausbruch am ganzen Körper aufgewacht. Wie habe ich mich dieses Mal entschuldigt? Natürlich:

„Ich fühle mich nicht gut. Ich bin krank.“

Ich erinnere mich an die Frustration in ihrer Stimme. Sie schlug vor, dass wir unsere Pläne fürs Abendessen absagen und sie einfach nur vorbeikommen würde, um mit mir Zeit zu verbringen. Als ich ihren Vorschlag dann vehement ablehnte, war sie noch verwirrter und enttäuschter. Ich war aber noch nicht bereit, ihr von meiner Nesselsucht zu erzählen. Am nächsten Tag hat sie mich verlassen.... Ich habe mich selbst nicht mehr gemocht.

Bei meiner nächsten Beziehung habe ich eine andere Taktik probiert. Nach meiner traumatisierenden Erfahrung mit meiner ersten Freundin hatte ich beschlossen, in meiner Komfortzone zu bleiben und mich hinter dem Bildschirm zu verstecken. Ich lernte meine nächste Liebe auf einer Online-Dating-Website kennen. Sie lebte Kilometer von mir entfernt. Perfekt! Sie konnte sich in meine Worte verlieben, auf meine Bilder starren und würde meine Nesselsucht trotzdem nie zu Gesicht bekommen!

So sehr ich auch versucht habe, unsere erste richtige Begegnung hinauszuzögern - nach fast einem Jahr hatte sie genug davon und fuhr zu mir, um mich persönlich kennenzulernen. Während sie für mich da sein wollte, war meine Nesselsucht (und ihre unbekannte Ursache) für uns beide verwirrend und es gab nicht viel, was sie tun konnte. Ich machte mit ihr Schluss.

Sie war sehr verwirrt. Aber es hätte einfach nicht funktioniert... BEZIEHUNGEN waren für mich einfach nicht möglich. Bereits im Alter von 21 Jahren hatte ich die Hoffnung verloren.

Es liegt nicht an dir, sondern an mir.

Als ich 23 Jahre alt wurde und mit meinem Studium an der Universität fertig war, fand ich einen neuen Job in der Hotelbranche. Da ich aufgeregt meinem nächsten Lebensabschnitt entgegen sah und dachte, meine Nesselsucht sei endlich verschwunden, entschloss ich mich, Beziehungen doch noch eine Chance zu geben. Ich dachte, dass eventuell der Stress an der Universität die Ursache für meine Erkrankung war und ich nun frei und ohne Nesselsucht leben konnte.

Durch Facebook nahm ich Kontakt zu einer alten Flamme aus der High School auf. Es war ein wenig surreal mit ihr zu reden (sie war noch dazu drei Jahre älter als ich) aber es hat funktioniert! Wir sind miteinander ausgegangen und ich hatte keinen Ausbruch. Alles sah wirklich gut aus!

Aber in dieser Beziehung, war meine Nesselsucht nicht das Problem. Das Problem war ich... Das Problem war, dass ich keine Intimität mit ihr aufbauen konnte, weil ich nie wirklich sicher war, ob meine Nesselsucht tatsächlich weg war. Mein Verhalten, oder vielmehr der Mangel an Initiative, verwirrte sie und sie machte mit mir Schluss bevor unsere Beziehung zu ernst werden konnte.

Ich erinnere mich, dass ich mich gefühlt habe, als hätte ich es verdient verletzt zu werden. Ich erinnere mich aber auch daran, dass mich mein eigener Körper und die Tatsache, dass ich mich wie ein Angsthase verhielt, verwirrt haben. Ich wusste, dass ich meinen zukünftigen Partner mein Geheimnis anvertrauen musste, um jemals eine Beziehung führen zu können.

Ein Jahr später begann ich ein Mädchen aus meiner Arbeit zu daten. Sie war jünger als ich. Manchmal hatte ich Ausbrüche und manchmal nicht, aber sie wusste nichts davon. Am Anfang habe ich geglaubt, dass ich für eine ernste Beziehung mit ihr bereit war, aber genau wie bei meiner letzten Freundin, hatte ich das Gefühl, ich müsse die Beziehung der Krankheit wegen sabotieren. Ich erinnere mich, wie ich gedacht habe "Wie kann ich sie davon abhalten, zu tun was sie tun möchte?" Es war ihr gegenüber nicht fair, also habe ich meine eigenen feigen Rückschlüsse gezogen und die Beziehung ohne wirklichen Grund beendet.

Als ich ihr mein Geheimnis anvertraut habe

Ein paar Jahre später traf ich meine "letzte" Freundin Natalie, die später meine Frau und die Mutter meines Kindes werden würde. Mit Natalie habe ich es geschafft, meine Krankheit zu akzeptieren und ihr mein "Geheimnis" anzuvertrauen. Es gab eine Zeit, als ich zwischen zwei Jobs stand, bei meinen Eltern wohnte und täglich an Ausbrüchen litt. Sie war die ganze Zeit an meiner Seite.

Sie zeigte viel Interesse an meiner Krankheit und versprach, mich zu unterstützen. Natalie war sehr verständnisvoll und sie ist es immer noch. Um mich während meiner Ausbrüche zu unterstützen, brachte sie mir sogar Suppen mit, die mein Immunsystem stärken sollten. Dafür liebe ich sie. Und bis zum heutigen Tag frage ich mich, ob mein Leben ähnlich verlaufen wäre, wenn ich Natalie mein Geheimnis nicht anvertraut hätte.

Mit 30 Jahren heiratete ich Natalie und ein Jahr später kam mein Sohn Lincoln auf die Welt.

Es ist nach wie vor nicht leicht für Natalie. Ich habe oftmals noch Probleme, mich ihr gegenüber zu öffnen und möchte manchmal lieber allein gelassen werden, wenn ich einen Ausbruch habe. Ich sage ihr, dass ich in solchen Momente nicht ich selbst bin und dass sie mein Verhalten nicht persönlich nehmen soll. Oft bin ich keine große Hilfe im Haushalt und fühle mich nutzlos und nicht gut genug für sie. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich als Mann im Haus nicht genug beitrage. Aber das sind nur einige Probleme, die wir gemeinsam durchstehen und ich bin unglaublich dankbar, dass ich so eine unterstützende Partnerin in Natalie gefunden habe.

Chronisch spontane Urtikaria kann manchmal dazu führen, dass man sich in einer Beziehung hoffnungslos, verbittert, beschämend oder isoliert fühlt. So habe ich mich gefühlt, als ich versucht habe meine Erkrankung vor meinen Partnern zu verstecken oder sie deswegen belogen habe. In dem Moment, als ich mich geöffnet habe, habe ich angefangen wirklich zu leben. Ich habe die Liebe zu mir selbst entdeckt und damit zugelassen, jemand anderes zu lieben. Es gibt nichts, was ich heute ändern wollen würde, da es mich dahin gebracht hat, wo ich heute bin. Aber mittlerweile erkenne ich, dass viele Herausforderungen in meinen Beziehungen damit zu tun hatten, wie ich mit meiner Erkrankung umgegangen bin.

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