Wissenschaft und Selbstbewusstsein

Espresso-trinkendes Paar

Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Selbstbewusstsein

Blickdichte Stoffe, lange Ärmel und dickes Make-up ... das sind nur ein paar Kniffe, mit denen Menschen, die an Hautkrankheiten leiden, sich vor den Blicken anderer schützen wollen.

81% der Psoriasis-Patienten schämen sich wegen ihrer Haut Ob am Arbeitsplatz oder bei Unternehmungen mit Freunden – Hautkrankheiten sind oft eine spürbare Quelle des Unbehagens, die weit tiefer geht als nur bis in die obersten Hautschichten mit ihren sichtbaren Symptomen.1 68 Prozent der von chronischer spontaner Urtikaria (csU) betroffenen Patienten geben an, dass sie sich weniger attraktiv fühlen als früher, 75 Prozent fühlen sich gehemmt, ihre Haut ist ihnen peinlich.1 75 Prozent der Schuppenflechte-Patienten fühlen sich unattraktiv und 81 Prozent schämen sich sogar für ihre Haut.2

Dieses geballte Unbehagen führt dazu, dass viele Betroffene sich fragen, was eigentlich mit ihnen passiert und warum. Aus diesem Grund haben wir nach Antworten gesucht.
 

Bewusstsein und soziale Unsicherheit

Seit Jahrhunderten beschäftigt sich der Mensch mit dem menschlichen Bewusstsein und seiner Funktionsweise. Wenngleich die Psychologie des Selbstbewusstseins ein überaus kompliziertes Thema ist, lässt sie sich grob in zwei einfache Grundprinzipien einteilen:

  • Der Meinung anderer wird zu viel Bedeutung beigemessen. Dies bezeichnet man als öffentliche Selbstwahrnehmung.3
  • Gesteigertes Bewusstsein für die eigenen Gefühle, das eigene Selbst und die gefühlte persönlichen Beeinträchtigung durch die eigene Haut. Dies wird als private Selbstwahrnehmung bezeichnet.3

Zwischen diesen beiden Prinzipien kann es zu Überschneidungen kommen. Die Tatsache, dass die Haut sichtbar ist, kann Ihr Bewusstsein des eigenen Körpers und der eigenen Gedanken (private Selbstwahrnehmung) schärfen und dazu führen, dass Sie meinen, gewissermaßen alle Blicke auf sich zu ziehen (öffentliche Selbstwahrnehmung).

Patient: Ismail

 

„Alle schauen mir ins Gesicht ... und fragen sich, ob ich eine Schlägerei hatte.
Ich fühle mich wie ein Alien.“

Ismail, csU-Patient

Die Ursache Ihres Unbehagens ist damit geklärt. Was aber läuft im Gehirn ab, damit es dazu kommt?

Gehirn und soziale Unsicherheit

Im Verlauf der Evolution des Menschen veränderte sich auch die Wahrnehmung des eigenen Selbst – die sich von einem grundlegenden Gefühl des Eigen-Bewusstseins zum modernen, komplexen Konzept des Selbstbewusstseins entwickelt hat, wie wir es heute kennen.4 Wenngleich Menschen schon seit Jahrtausenden das Gefühl von Unsicherheit beziehungsweise bzw. Gehemmtheit kennen, herrscht in der Wissenschaft noch immer Klärungsbedarf dahingehend, welche Prozesse sich dabei eigentlich im Gehirn abspielen und zur Entstehung dieser Gefühle führen.

Man geht davon aus, dass viele Gehirnareale an der Entstehung des Unsicherheitsempfindens beteiligt sind, was zu Schüchternheit und sozialen Ängsten führen kann.5-9 Allerdings herrscht die Überzeugung, dass zwei spezielle Gehirnbereiche – das sogenannte Gefühlssystem (oder limbisches System) und das Verhaltenssystem (oder Frontallappen) die zentralen Akteure der Gehirnaktivität sind.10-11 Die in diesen beiden Regionen erzeugte elektrische Aktivität setzt sich bis in die äußersten Faltenstrukturen des Gehirns fort (in den zerebralen Kortex7) wo die Wahrnehmung stattfindet. Und schon setzt bei uns das vertraute Gefühl der Unsicherheit ein.12

Gehirnaufbau

 

„Die Forschung hat spezielle Nerven im Verhaltenssystem im vorderen Teil des Gehirns identifiziert, die das Gefühl der Unsicherheit maßgeblich beeinflussen.“13, 14

Die Forschung hat spezielle Nerven im Verhaltenssystem im vorderen Teil des Gehirns identifiziert, die das Eigen-Bewusstsein und das Gefühl der Unsicherheit maßgeblich beeinflussen. Dies sind „Spiegelneuronen“, die dafür verantwortlich sind, dass wir die Handlungen und Gesichtsausdrücke von Menschen in unserer nächsten Umgebung verstehen und darauf reagieren, und Spindelneuronen (auch bekannt als Economo-Neuronen), die an der Selbstwahrnehmung beteiligt sind.13, 14 Da diese Nerven physikalisch durch den Gesichtsausdruck anderer Menschen aktiviert werden können, könnten Sie das „Verbindungsglied“ sein zwischen einer anderen Person, die Ihre Haut betrachtet, und der sich dann bei Ihnen einstellenden Unsicherheit.

Positive Aspekte der sozialen Unsicherheit

Wenngleich soziale Unsicherheit Sie ganz schön deprimieren kann, muss sie nicht zwangsläufig ein schlechtes Gefühl sein. Sie kann nämlich auch positive Empfindungen auslösen4. Wenn Sie sich Ihrer selbst, Ihrer Gefühle und Handlungen stärker bewusst sind, können Sie auch leichter erkennen, wann Sie sich von sozialen Anlässen besser fernhalten sollten. Nur wenn Sie dies selbst empfinden, können Sie daran etwas ändern und trotz einer Hautkrankheit ein geselliges soziales Leben führen.

Wenn Sie Schwierigkeiten im Umgang mit der emotionalen oder psychischen Belastung Ihrer Hautkrankheit haben, sprechen Sie mit Ihrem Arzt – vielleicht kann er Ihnen auf diese Weise leichter die richtigen Empfehlungen und Hilfen an die Hand geben, die auf Ihre persönlichen Bedürfnisse abgestimmt sind.

Wir haben nun also gesehen, dass die soziale Unsicherheit ein normales Gefühl ist, das jeder von uns kennt. Denken Sie also daran: Sie unterscheiden sich gar nicht so sehr von anderen, wie Sie manchmal vielleicht glauben!

Referenzen

  1. O’Donnell BF et al. Br J Derm 1997; 136: 197-201.
  2. Krueger G et al. Arch Dermatol 2001; 137: 280-284.
  3. Self-consciousness, private vs. public. Available at: http://what-when-how.com/social-sciences/self-consciousness-private-vs-public-social-science/, aufgerufen: Juli 2017.
  4. Menant C. Evolution and Mirror Neurons. An Introduction to the nature of self-consciousness 2005; TSC Copenhagen. 1-7. Available at: http://cogprints.org/4533/1/Charts.pdf, aufgerufen: März 2015.
  5. Self-Conscious Emotions – Shame and Guilt, Hubris and Pride, Shyness and Embarrassment. Available at: http://psychology.jrank.org/pages/564/Self-Conscious-Emotions.html, aufgerufen: Juli 2017.
  6. Self-Consciousness Scale (SCS-R). Available at: http://www.midss.org/content/self-consciousness-scale-scs-r, aufgerufen: Februar 2015.
  7. Does self-awareness require a complex brain? Available at: http://blogs.scientificamerican.com/brainwaves/2012/08/22/does-self-awareness-require-a-complex-brain/. aufgerufen: Juli 2017.
  8. Ionta S et al. Neuron 2011; 70(2): 363-374.
  9. Heydrich L et al. Brain 2013; 136: 790-803.
  10. Scientific Understanding of Consciousness. Available at: http://willcov.com/bio-consciousness/review/Limbic%20System.htm, aufgerufen: Februar 2017.
  11. Beer JS. Chapter 4: Neural Symptoms for Self-Conscious Emotions and Their Underlying Appraisals. In: The Self-Conscious Emotions: Theory and Research. Ed. Tracy JL, Robins RW, Tangney JP, 2007. 53-55.
  12. Cerebral Cortex. Available at: https://www.boundless.com/psychology/textbooks/boundless-psychology-textbook/the-brain-and-behavior-4/the-brain-35/cerebral-cortex-152-12687/, aufgerufen: Juli 2017.
  13. Acharaya S, Shukla S. J Nat Sci Biol Med 2012; 3(2): 118-124.
  14. Evrard HC, et al. Neuron 2012; 74: 482–489.

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